Zeigen und Benennen

Das „Zeigen und Benennen“ ist eine Methode, die bei Hunden angewendet wird, die auf Reize in der Umwelt reagieren. Es wird als Werkzeug zum Sozialisieren bzw. zum Weiter-Sozialisieren von Hunden gesehen.

Es ist ein motivations- und bedürfnisorientiertes Trainieren und Kommunizieren mit Hunden, bei dem Rücksicht auf die Emotionen des Hundes genommen wird.
„Zeigen und Benennen“ kann erwünschtes Verhalten stärken und unerwünschtes Verhalten schwächen oder beseitigen.

Ziel
Das Ziel von „Zeigen und Benennen“ ist nicht nur, dass euer Kumpel aufhört z. B. gegenüber anderen Hund ein aggressives Verhalten (unerwünschtes Verhalten) zu zeigen und entspannt reagiert, sondern auch, dass er euch vertraut. Indem ihr ihn jedes Mal im Rahmen des Trainings von dem Reiz zu euch schauen lasst und sofort belohnt, trainiert ihr, dass er euch vollkommen vertrauen kann und ihm nichts passiert, auch wenn er den Reiz nicht im Auge behält.

Los geht’s
Wählt einen Gegenstand, auf den euer Kumpel neutral reagiert. Das ist wichtig, damit die Übung erfolgreich wird. Er soll das Verhalten erlernen „Ich gucke den Gegenstand an und nehme ihn wahr, ohne darauf zu reagieren“. Vor allem nicht aggressiv. Hierbei zählt nur die Wahrnehmung.

Trainiert euren Kumpel nur in ruhigen und entspannten Situationen, denn das Ziel ist, dass er in dieser Phase des Trainings entspannt ist und sie ihm positiv in Erinnerung bleibt.

Aggression gegenüber Anderen
Bei aggressivem Verhalten z. B. gegenüber anderen Hunden, kann man „Zeigen und Benennen“ mit einem bekannten Hund üben, auf den euer Kumpel nicht aggressiv reagiert:
Bei einem Spaziergang wird eurem Kumpel der andere Hund „gezeigt“ und wenn er ihn registriert, benutzt ihr einen Klicker. Wendet sich euer Kumpel durch das Klicken zu euch, wird er sofort mit einem Leckerli belohnt.

Trainingsablauf:

1.    Hund sieht den Reiz, z. B. einen anderen Hund
2.    Mensch benennt den Reiz, z. B. „Hund“
3.    Klicker wird eingesetzt – durch das Klicken soll die  Konzentration des Hundes vom Reiz zum     Menschen erfolgen
4.    Hund wird belohnt (Leckerli), wenn er wie gewünscht auf das Klicken reagiert.

Wenn ihr den Reiz zuerst seht, könnt ihr ihn direkt benennen und euren Kumpel somit vorwarnen.

1.    Mensch benennt den Reiz, z. B.: „Wo ist der Hund?“
2.    Hund sucht und entdeckt den Reiz (z. B. einen anderen Hund)
3.    Klicker wird eingesetzt – dadurch soll die Aufmerksamkeit des Hundes vom Reiz zum Menschen erfolgen
4.    Hund wird belohnt (Leckerli)

Hineinklicken
Übt man in gewöhnlichen Situationen, z.B. bei Spaziergängen, muss man anfangs oft in die Situation hineinklicken. Das bedeutet, dass ihr den Klicker einsetzt, sobald euer Kumpel einen Hund gesehen hat und ihr den Reiz benannt habt. Meistens ist euer Kumpel anfangs noch sehr stark auf den anderen Hund fixiert und reagiert nicht unbedingt direkt auf das Geräusch. Dann heißt es für euch „hineinklicken“. Ihr klickt solange schnell und penetrant, bis euer Kumpel sich zu euch dreht und gibt ihm sofort ein Leckerli. So vermeidet ihr, dass zu viel Zeit verstreicht, in der euer Kumpel aggressive Gefühle gegenüber dem anderen Hund entwickeln kann, da ihr ihn vorher ablenkt.

Es kann sein, dass euer Kumpel in dem Moment, in dem er einen anderen Hund sieht, nicht auf den Klicker reagiert. Klickt weiter und haltet ihm das Leckerli direkt vor die Nase. Sobald er darauf reagiert, zieht es leicht seitlich weg, so dass er euch zugewandt ist und gibt ihm das Leckerli.
Orientiert er sich direkt wieder unruhig oder aggresiv zum Reiz hin, klickt erneut und belohnt ihn, sobald er sich wieder zu euch wendet. Das wiederholt ihr, bis eurem Kumpel der Reiz gleichgültig wird (da sich der Reiz, z. B. der andere Hund, entfernt) und er sich mit etwas anderem beschäftigt

Allgemein ist es aber normal, wenn euer Kumpel sich nach eurem Klicken und eurer Belohnung wieder zu dem anderen Hund dreht. Oft macht er das nur, weil er den anderen Hund im Sichtfeld behalten will. Das vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit, denn er könnte früh genug reagieren, falls ihn der andere Hund „angreift“.

Achtung!
Reagiert euer Kumpel in einer solchen Situation, in der er z. B. einen anderen Hund sieht, nicht auf den Klicker, aber sonst immer, zeigt das, dass so eine Konfrontation noch zu schwierig für ihn ist. Versucht solche Situationen zu verringern oder zu vermeiden, bis euer Kumpel geübter und somit sicherer geworden ist.

Die Arbeit mit dem Klicker
Ein Klick löst, nach einigen Trainings-Wiederholungen, Glückshormone bei eurem Kumpel aus, da er dann weiß, dass er belohnt wird. Je mehr ihr und euer Kumpel  Erfahrung mit dem Klicker habt, umso mehr wird er ein Zeichen für Zusammenarbeit und vermittelt Sicherheit.

Vergesst bei der Arbeit mit einem Klicker auf keinen Fall, dass ihr erst klickt und dann das Leckerli gebt!

„Vokabel“training
Beim „Zeigen und Benennen“ muss euer Kumpel „Vokabeln“ lernen. Die Anzahl der zu lernenden „Vokabeln“ hängt davon ab, auf wieviel Reize euer Kumpel reagiert, z.B. auf andere Hunde, Kinder, den Postboten, Jogger etc.
Die Vokabeln könnt ihr individuell wählen, jedoch solltet ihr eine Vokabel, die ihr einmal für einen Reiz gewählt habt, nicht mehr ändern, weil das euren Kumpel verwirrt und mehr Arbeit mit ihm bedeutet. So kann z. B. einen „Vokabel“ „Wo ist der Hund?“ oder „Hund“ lauten.

Alternativverhalten
Kann euer Kumpel auf euer Signal (=die erlernte „Vokabel“) den benannten Reiz anschauen ohne aggressiv zu reagieren, erarbeitet man ein Alternativverhalten mit ihm.

1.    Mensch benennt den Reiz
2.    Hund sucht und entdeckt den Reiz
3.    Klicken als Signal für das Alternativverhalten
4.    Hund führt Alternativverhalten durch, z. B. Hand- oder Fußtouch (s. weiter unten: Tipps gegen Rückfälle …)
5.    Hund wird belohnt

Alternativverhalten, wenn euer Kumpel den Reiz entdeckt

1.    Hund entdeckt den Reiz und führt direkt das Alternativverhalten durch
2.    Hund wird belohnt

Bewusstes Alternativverhalten aus der Sicht des Hundes
Vorher: Ich sehe einen Hund, ich werde aggressiv (klassisch konditionierte Reaktion = Stresshormone werden ausgeschüttet, was zur Folge hat, dass der Hund ausrastet).

Nachher: Ich sehe einen Hund, ich zeige ihn meinem Herrchen und werde dafür belohnt. Ich fühle mich ruhig und sicher. Es gibt keinen Grund für mich aggressiv zu werden (gegenkonditionierte Reaktion).

Tipps gegen Rückfälle und weitere Lösungsstrategien

Durch das Training wurde ein Alternativverhalten erlernt = Melden und sich dem Herrchen zuwenden.
Dadurch hat euer Kumpel in stressigen Situationen mehrere Möglichkeiten, wie er mit diesen umgehen kann. Das Risiko, ein gelerntes Alternativverhalten in solchen Momenten zu vergessen, ist allerdings groß und deshalb ist es wichtig, dass er mehrere Verhaltensweisen kennt, um ggf. instinktiv eine andere zu nutzen.

Beispiele für Alternativverhalten:

Fußtouch = euer Kumpel stellt seine Pfote auf euren Fuß
Handtouch = euer Kumpel berührt mit seiner Nase eure Hand
Hinsetzen = euer Kumpel setzt sich hin, evtl. auch direkt vor euch, um eure komplette Aufmerksamkeit zu erregen

Achtung!
Sollte man den Blick des Hundes von anderen Hunden ablenken, z. B. durch Augenkontakt, ohne, dass er den anderen Hund bereits entdeckt hat, kann das nach hinten losgehen. Euer Kumpel wird dann den anderen Hund erst bemerken, wenn er ihm sehr nah gekommen und somit in seine Komfortzone getreten ist und er wird sich total erschrecken, was seine Reaktion auf den anderen Hund verstärken wird.
Manche Hunde, die vor ihren Artgenossen Angst haben, haben den anderen Hund auch lieber so lange im Blick, bis dieser wieder weg ist und sie sich wieder sicher fühlen können.
Folge: Schlimmstenfalls verknüpft euer Kumpel andere Hunde mit noch mehr Negativem.

Auch für Hunde, die eine sogenannte Leinenfrustration haben, weil sie lieber spontan und frei zum anderen Hund hinlaufen möchten, ist „Wegschauen“ frustrierend. Sie folgen dem Befehl zwar, da er gegeben wurde, aber können ihr Herrchen auch negativ, nämlich als Spaßverderber empfinden, was die Vertrauenssituation und dadurch sogar den Gehorsam beeinträchtigen kann.

Dazu kommt noch, dass das Training der klassischen Gegenkonditionierung so nicht richtig funktioniert, da euer Kumpel den anderen Hund nicht mit dem Training verknüpfen kann, weshalb sich seine Einstellung gegenüber anderen Hunden nicht ändern wird.

Auch euren Hund bei Fuß gehen lassen und ihn an der kurzen Leine halten, ist nicht unbedingt von Vorteil. Denn instinktiv würde der Hund lieber einen großen Bogen um den anderen Hund machen, um angemessenen Abstand zu halten. Aber weil es befohlen wurde und durch die Leine auch nicht anders möglich ist …

Positiv am „Zeigen und Benennen“ ist auch, dass es die Bindung und das Vertrauen zwischen Kumpel und Herrchen verstärkt. Denn euer Kumpel wird sich nach gelernter Lektion bei euch melden, um mitzuteilen, dass gleich etwas kommt, wovor er Angst hat oder worüber er sich aufregen wird und euren Schutz suchen.

Erste Erfolge
Nach ersten erfolgreichen Trainingseinheiten fängt euer Kumpel meist schnell an, euch auf Reize aufmerksam zu machen. Wenn er z. B. einen anderen Hund gesehen hat, wird er euch anschauen und dann wieder den anderen Hund. Damit will er euch mitteilen „Schau, da ist ein anderer Hund, gibt mir ein Leckerli und pass auf, dass er nicht zu nahe kommt!“. Jetzt wisst ihr, dass euer Kumpel den Trick „Anzeigen“ gelernt hat.
Hat er bereits ein Alternativverhalten erlernt, kann es natürlich auch sein, dass er dieses anwendet, um euch auf den Reiz/anderen Hund aufmerksam zu machen.

Test
Testet das Gelernte in einer Situation, in der euer Kumpel mit etwas anderem beschäftigt ist. Sagt das Signal und schaut er daraufhin den anderen Hund an oder sucht sein Umfeld nach Hunden ab, hat er es verstanden. Vergesst auch hier nicht das Belohnen.
Intensives Üben und regelmäßiges Wiederholen ist also von großer Bedeutung, damit die Signale in Fleisch und Blut übergehen und nicht wieder in Vergessenheit geraten.

Erfahrung
Wenn ihr sicher seid, dass euer Kumpel das Anzeigen als Trick verstanden hat, könnt ihr versuchen, das Klicken, z. B. wenn ein anderer Hund in Sicht kommt, etwas hinauszuzögern. So hat euer Hund länger Zeit zu schauen und die Situation einzuschätzen. Dadurch soll das Gelernte stabilisiert werden.
Es kann ja auch sein, dass ihr nicht direkt die „Gefahr“, z.B. in Gestalt eines Hundes, erkennt und euer Kumpel dessen Anblick eine Weile aushalten und wiederholt versuchen muss euch mitzuteilen, dass er etwas Beunruhigendes entdeckt hat. In einer solchen Situation ist es dann wichtig, dass er ruhig bleibt und nicht in alte Muster zurück fällt.

Das oberste Ziel, welches es zu erreichen gilt, ist, dass euer Kumpel den Reiz wahrnimmt und aufmerksam bleibt, sich aber nicht weiter daran stört bzw. ihn wahrnehmen kann, ohne aggressiv darauf zu reagieren.

Funktionale Verstärker
Ein funktionaler Verstärker ist, wenn es eurem Kumpel gelingt, das von ihm angestrebte Ziel durch sein Verhalten bzw. seine Verhaltensänderung zu erreichen.

Beispiel: Hunde, die Angst vor anderen Artgenossen haben, würden gerne einen großen Bogen um diese machen. Durch die Leine ist das aber nicht möglich. Indem sie bellen und vorwärts stürmen, erzeugen sie aber den gewünschten Abstand, denn der andere Hund weicht aus = Ziel erreicht.

In einer solchen Situation kann man das Signal „Nehme dir deinen Freiraum“ trainieren. Lasst dafür euren Hund seinen Weg nehmen und ihr folgt mal eurem Kumpel. Wenn er sich dann wieder wohl und sicher fühlt, könnt ihr die Führung wieder übernehmen.
Nimmt euer Kumpel draußen keine Leckerlis an, kann man nur mit funktionalen Verstärkern wie oben erläutert, arbeiten. Ist er jedoch irgendwann soweit, dass er die Leckerlis annimmt, sagt das etwas über seinen Trainingsstand aus: Das Training hat Erfolg.

Systematische Desensibilisierung und klassische Gegenkonditionierung
Die Methode des „Zeigen und Benennen“ greift auf die systematische Desensibilisierung und die klassische Gegenkonditionierung zurück.

Systematische Desensibilisierung:
Die systematische Desensibilisierung bedeutet die Schritt-für-Schritt-Gewöhnung an einen Reiz. Anfangs abgeschwächt, später immer intensiver, bis der Reiz voll da ist. Das bedeutet z. B. einem Hund erst nur mit großem Abstand zu begegnen und die Entfernung nach und nach immer kleiner werden zu lassen. Der Reiz und die Intensität ist natürlich von Hund zu Hund unterschiedlich.

Klassische Gegenkonditionierung:
Die klassische Gegenkonditionierung wird eingesetzt, wenn ein Reiz einen Reflex auslöst, z.B. ein aggressives Verhalten durch Hormonausschüttung.
Hier geht es darum, bereits Gelerntes zu „überschreiben“. Wenn ein Hund gelernt hat, z. B. andere Hunde mit dem eigenen aggressiven Verhalten zu verbinden, bedeutet die Gegenkonditionierung dieses Verhalten zu überschreiben und andere Hunde mit positiven Ereignissen, wie etwa dem Erhalt von Leckerlis, zu verbinden.

Ziel erreicht
Das Ziel von „Zeigen und Benennen“ ist erreicht, wenn der Reiz, z. B. Aggression gegenüber anderen Hunden, sich aufgelöst hat.

Professionelle Unterstützung
Bitte beachtet, dass das Einsetzen der Methode des „Zeigen und Benennen“ auch fehlschlagen kann.
Ihr müsst gut informiert und konsequent sein, um die Methode erfolgreich umsetzen zu können. Seid ihr das nicht, können sich schnell kleine Fehler einschleichen, die den Trainingserfolg mindern, behindern oder evtl. sogar verhindern.
Zur Unterstützung könnt ihr euch an eine Hundeschule in der Nähe oder einen Hundetrainer werden.

Unter folgenden Links könnt ihr eine bildliche Vorstellung bekommen, wie das „Zeigen und Benennen“ funktioniert und wirken kann:

http://www.bilbo-von-den-borkenbergen.de/?page_id=6801

https://www.youtube.com/playlist?list=PL-goPY97XQ8JP6XBbfgNlnznhvf7M4HZs

Foto des Autors

Für dich geschrieben von

Heiko Schneider

Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Seit über 10 Jahren erlebe ich mit meinem Labradorrüden Tano kleine und große Abenteuer. Im Hundekumpel Blog teile ich meine Erfahrungen mit meinen liebsten vierbeinigen Freunden.

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